Mittwoch, 13. April 2011

zeithaben

meine freundinnen von früher, also eine kohorte von frauen, die zwischen anfang der 50er und mitte der 60er jahre zur welt gekommen sind, erfreuen sich überwiegend eines geglückten lebens. die mehrheit beruflich erfolgreich und kinderlos, zufrieden mit ihrem lebensstil und erfreulich gesund. das ist sehr angenehm. vermutlich sind wir die erste frauengeneration, die überhaupt so selbstverwirklicht und ohne gröbere schuldgefühle das ganz eigene glück suchte und fand.

was wir derzeit merken, namentlich die aus den 50ern, jetzt in den 50ern, ist, dass wir keine zeit haben für einander. früher - zu wg- und anderen jugendzeiten - gabs doch diese endlosen telefonate, kaffeehausphilosophierereien, sich-das-universum-zurecht-besprechungen. man konnte spontan in kleinen gruppen gar tagelang mit dem auto durch entlegene landschaften gondeln und argloses landvolk durch nacktbaden verschrecken. nur zum beispiel.

jetzt? grad, dass wir noch die elementarsten festivitäten mit not gemeinsam ein wenig begehen. telefonieren über mehr als fünf minuten - nur um festzustellen, dass wir keine zeit für ein treffen haben - kommt praktisch nicht vor.

was ist geschehen? bei mir sieht es aus wie folgt:

ich arbeite vermutlich mehr stunden als früher, und ich bin am abend erschöpft und hab keine lust mehr auf reden, rausgehen etc. allerdings vermute ich, dass bei mir der beruf, der sich ja vom beschreibenden ins beratende gewandelt hat, einen teil der beziehungsfunktionen abdeckt, die früher in den freundschaften verortet waren. außerdem ist es in alten freundschaften vielleicht doch wie in mancher ehe - man weiß ohnehin schon, was kommt und lässt es daher gleich aus?

ich habe allerdings festgestellt, dass mein freundInnenkreis sich in den letzten jahren über meine altersgenossinnen hinaus in neue generationen erweitert hat: ich habe freundInnen hinzugewonnen, die aufgrund ihrer jugend, bzw. ihres höheren alters mehr zeit haben als ich, und die es daher auch schaffen, mehr und länger mit mir zu telefonieren, philosophieren, nachmittagelang herumzukugeln, weil sie sich nach mir richten können. wenn ich bald ein auto haben werde, kann ich mit der einen und dem andren vielleicht auch wieder durch entlegene gegenden gondeln.

Kommentare:

  1. ... traurig aber wahr, auch bei den in den 80ziger Jahre geborenen ist das schon so. Viele haben Beziehungen, heiraten und bekommen Kinder, sind am Abend zu erschöpft, um zu telefonieren, gemütlich beisammen sitzen. Am Wochenende steht der eigene Haushalt und der Partner im Mittelpunkt und nicht die Freundinnen. Ich hoffe, es kommen wieder andere Zeiten :-)

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  2. Ich beobachte mit Unruhe, dass mir meine "nearest and dearest" vollauf genügen und ich kaum noch Lust auf Geselligkeit habe...das Alleinsein suche...und das Internet eigentlich zu einer unkomplizierten Ersatzfreundin geworden ist.

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  3. ....darauf freu ich mich, wenn du mit dem auto kommst! ganz was neues.
    lg, karin

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  4. Eine Frage die ich mir auch immer öfter stelle...und über die wir gestern auf einem der raren Zusammentreffen von FreundInnen auch besprachen...irgendwie geht es vielen so und vielleicht ist ja nicht das "Alter" dafür verantwortlich oder die Lebensumstände sondern eine generelle Entwicklung von Zwischenmenschlichkeit oder generell einer Überforderung (Informationsüberflutung?)
    Ich finde es jedenfalls beunruhigend, weil ich eben dieses stundenlange Zusammensitzen, Diskutieren, Herumziehen...diese Gemeinsamkeit immer sehr mochte, da ich sonst eher Einzelgängerin bin...
    Liebe und nachdenkliche Grüsse in den Abend!
    bea

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