Samstag, 19. März 2011

auftauchen

mein geburtstag war mittwoch. genau einen monat nach dem tod des vaters. ich war gewarnt, dass es heftig werden könnte. und so wars auch. zuerst war es besonders schön und rührend. und dann ist es umgeschlagen ins finstre tal der tränen.

die toteninsel - arnold boecklin
zwei tage bin ich am rande des abgrunds erwacht und gewandelt, der abgrund gefüllt mit düsteren nebeln. es hat einiger anstrengung bedurft, dem sog der weichen grauen wolken nicht nachzugeben. heute früh wars wieder gut, mein leben hat mich wieder. ich bin froh, dass ich mir die emotionale hochschaubahnfahrt leisten kann: auch diese woche war ich ohne berufliche termine - eine ausbildung, die ich vorgehabt hatte, ist abgesagt worden.

ein teil meiner trauer ist aufgehoben in den schrecklichen ereignissen in japan und im arabischen raum. ich fürchte, beides wird noch ärger werden. und das mittelmeer ist ganz nah.

die persönliche trauer bricht jetzt durch, wo die wichtigsten dinge geregelt sind und die mutter ihr eigenes leben zu leben beginnt. es ist ihr erstes, sie hat den vater kennengelernt, als sie fünfzehn war. de facto habe ich ihren traum umgesetzt: studiert, unverheiratet geblieben, kinderlos, selbständig und beruflich erfolgreich. ich wünsche ihr so sehr, dass sie noch genügend kräfte mobilisieren kann, trotz ihrer einschränkungen ihr leben zu genießen. sie arbeitet die trauer ab im ordnen, sortieren, weggeben. und im zweifelsfall plagen sie nervenschmerzen.

Montag, 14. März 2011

frühlingserwachen

auch bei den vögeln. als ich hier eingezogen bin, ende oktober, trieben es nicht nur die leute im swingerclub vernehmlich. auch die tauben auf dem schornstein gegenüber dem küchenfenster hatten samstags gegen zehn uhr vormittag ein einschlägiges stelldichein. allerhand gurren, sich im kreise drehen und schwupp..p...p... dann so tun, als wär nix gewesen. rumfliegen, federn putzen. dann gabs winterpause. bei den vögeln.

heute sitzt eine taube allein da und sieht sich um. herumfliegen ringsum. noch kein matching für die taube am schornstein. es ist eine neue. die vom herbst waren riesig. die hier ist klein und - für eine großstadttaube - sehr anmutig.

am lande, bei der freundin, gab es einen wunderhübschen türkentaubenschwarm. die hatten immer mittags um zwei gruppenkunstfliegen im winde über dem kirchhang. vom dabei zusehen bekam ich aus jeder stimmung heraus unglaublich gute laune.


über den winter behelfe ich mir vögeltechnisch mit meinem betttischchen aus der hinterlassenschaft einer botschaftergattin, die das teil wohl aus der russischen zeit mitgebracht hat. vor tschernobyl.

Samstag, 12. März 2011

unvorstellbar

war es nicht eben erst, dass ich mir nicht vorstellen konnte, was in aller welt ich in der kalten jahreszeit anziehen sollte? seit heute ist es umgekehrt: ich habe keine idee von mir in eventuell angemessener frühlingskleidung.

so geht das jahr um jahr, und ich liebe diese fassungslosigkeit, die sich einfach nicht abnützt. im herbst führt sie dazu, dass ich ca. dreimal in zu dünnen kleidern in die kalten winde raus geh - und mit glück trotzdem keinen schnupfen kriege. im frühjahr brauch ich länger, bis ich dem frieden der lauen lüfte traue.

jedenfalls sollte ich mir schön langsam vergegenwärtigen, dass in meinem kleinen kühlen trockenen keller mein alter großer germknödelförmiger schalenkoffer mit den gefährlichen klappverschlüssen voller leichter kleider drauf wartet, dass die passagiere an bord wechseln. er will, glaub ich, bald wollenes beherbergen.

auch die leichten schuhe sollt ich wohl mal raufholen, nur für den fall.

Mittwoch, 9. März 2011

lachen

seit ein paar wochen wohnt endlich so ein kleines mistküberl bei mir am klo. und heute hat es mich zum ersten mal angelacht!
so hab ich auch endlich mal einen beitrag für diese site, die ich immer sehr vergnüglich finde im vorbeischauen.

Sonntag, 6. März 2011

nachhall

ich habe natürlich vaters letzte ansagen auf meiner mailbox gespeichert. zum glück hab ich heute wiedermal reingehört für ein wenig trost. die erste der ansagen, noch aus dem jänner, war verschwunden. dafür hab ich die vorletzte mal ganz angehört. er hatte meinen anruf überhört und mir das draufgesagt und dann nicht "aufgelegt". eine lange sequenz mithören der gespräche, die er mit den nachbarn im krankenzimmer führte, u.a. mit der alten dame, die mich "fräulein" genannt hatte. es war wirklich tröstlich, ihn nochmal so zu erleben.

nun, nach einem anruf bei der hotline meines providers, weiß ich auch, dass diese aufzeichnungen sich nach einer woche von selber löschen, wenn man sie nicht indessen wieder speichert. also gibt es jetzt ein neues ritual, bis ich das verschwinden der stimme ertrage: alle paar tage reinhören und speichern. eines tages werd ich es vergessen und dann wirds soweit sein, dass es gut ist so.

Samstag, 5. März 2011

einreihen

während ich in linz die wege erledigte, die nach dem tod des vaters zu gehen waren, fand ich den gehsteig der linzer landstraße im zentrum der stadt in dem stück, das ich häufig zu betreten hatte, in zwei spuren geteilt vor: eine seite offenbar für alte frauen, eine für junge männer. da ich was anderes als gendergerechtigkeit im kopf hatte, und mich entsprechend fühlte, reihte ich mich dankbar auf der langsamen alte-frauen-seite ein. einige tage nacheinander tat ich so und beobachtete, dass sich die leute wirklich dran hielten, allerdings nicht nach alter und geschlecht, sondern nach schneller und langsamer unterwegs.


am letzten tag, als ich mich zu fragen begann, wer diese regelung hier testet, bekam ich das oben abgebildete Flugblatt von einer jungen frau in die hand gedrückt. es klärte sich auf: es ist eine werbeaktion des linzer landestheaters für dieses stück.

tatsächlich finde ich, dass im linzer straßenbild, in den öffis, den einkaufszentren, der fußgängerzone, die demographische entwicklung schon sehr deutlich wird. sehr viele ältere bis alte leute unterwegs. mehr als andre, will mir scheinen. ich gehöre bald auch dazu, jahrgang 1955, der erste jahrgang der hiesigen babyboomgeneration. das heißt, recht bald werden es noch viel mehr sein.

Freitag, 4. März 2011

gwirks

heute war mir wieder schwach zumute - so, wie ich es schon mal hatte, nach meiner erkältung. mein armes herz! bei allem trost setzt ihm wohl doch auch der gram schwer zu. es geht mir gut und gleichzeitig bin ich traurig, ich bin froh und gleichzeitig voll schmerz. eine verwirrung der gefühle. das wird wohl noch eine zeit so gehen.

dazu bin ich seit jeher wie ein barometer für die zustände anderer leute. es würde mich nicht wundern, wenn meine mutter mir heute abend am telefon über ein schwummriges gefühl am vormittag berichten würde. diese eigenschaft, nämlich die körperlichen und stimmungsmäßigen verfassungen anderer leute selber zu spüren, ist in meinem beruf sehr hilfreich. da erleide ich auch nie verwechslungen und weiß immer (oder wenigstens fast immer), was meins ist, und was eine information über den zustand des klienten ist.

aber mit nahestehenden menschen komme ich dahingehend gern ins gwirks, österreichisch für: verstricke ich mich gerne. habe ich nun herzprobleme oder meine mutter? sie hat jedenfalls welche, das weiß man. aber ich eben vielleicht auch schon, wer weiß.

jedenfalls bin ich ziemlich froh, dass mittlerweile die spiegelneurone entdeckt wurden. ich bin aus eigener erfahrung sicher, dass diese neurone auch über jede distanz hinweg informationen aufnehmen, wenn man mit jemandem eng verbunden ist. gar mit den leuten, mit denen man die dna teilt. jedenfalls lassen sich die "medialen anfälle" so am besten erklären.

p.s.: keine spiegelneurone heute - mütterlein fühlte sich bestens, wie ich eben erfahre.

Donnerstag, 3. März 2011

schlüsselübergabe

ich bin seit vorgestern wieder in wien. heute morgen ist mir mein vater zum ersten mal seit seinem tod im traum erschienen. es war im elterlichen stiegenhaus. er hat, wie üblich, einen scherz gemacht, und mir dann meine wiener wohnungsschlüssel in die hand gedrückt, die ich vergessen hatte in linz.

seither bin ich frohen herzens. ich habe das gefühl, jetzt schaut er auf mich, damit ich mich nicht selbst vergesse vor lauter erfüllung des versprechens auf die mutter zu schauen, das ich ihm gegeben habe, damit er in ruhe gehen kann.

die mutter kocht indessen jetzt gerade kaffee für freunde, die auf besuch sind, wie sie mir etwas ungeduldig sagt, als ich anrufe, damit sie nicht allein ist beim kaffeetrinken. wie schön.