Montag, 28. Februar 2011

vollendet

der abschiedskaffeeplausch für den vater war wunderschön. bei einem weniger ernsten anlass würde man sagen, es war ein voller erfolg. draußen strahlendes wetter, drinnen kaffee und kuchen und so viele menschen, die ihre erinnerungen mit uns teilten. heitere und anrührende geschichten von verwandten, freunden, alten uhrmacherkollegen und nachbarn.

es war eine gute idee, die alben von seinem 60. und 80. geburtstag aufzulegen. alle schrieben ins kondolenzbuch, alle freuten sich über die rose, die sie am ende mitnehmen durften. alle sagten uns, wie schön sie diesen abschiedsnachmittag fanden.

heute war ich beim amtlich eingesetzten notar. meine wahl wäre auch auf dieses notariat gefallen, denn die kanzlei ist nur zwei häuser vom geburtshaus unseres vaters entfernt. so schließt sich der kreis, dieses leben ist vollendet.

die notarin war hochschwanger.

Samstag, 19. Februar 2011

abschied

nun wissen wir, was unseren vater umgetrieben hat im letzten halben jahr - das ereignis ist eingetreten. major stroke nennt es die internationale fachsprache. ein großer schlaganfall hat ihn vor einer woche niedergestreckt. nach drei tagen, am dienstag in den frühen morgenstunden, ist er friedlich verstorben. wir haben ihn gut begleiten können.

ich habe nun mit mitte fünzig zum ersten mal den tod direkt erlebt, und ich bin überwältigt, was für ein tiefgreifendes erlebnis der bindung das ist. damit hatte ich nicht gerechnet. es war unbeschreiblich - schmerzlich und schön zugleich.

mit seinem ableben hat uns der vater eine aufgabe gestellt, die dem hiesigen ersten bestattungsunternehmen am platze viel beratungskompetenz abverlangt. er war schon lange aus der kirche ausgetreten, sodass ein abschied im katholischen ritus nicht in frage kam. das ist schon nicht üblich in der gegend. darüber hinaus aber hat er seinen körper der wissenschaft vermacht, so dass wir hinterbliebenen auch keine leiche haben, um die herum eine leichenfeier stattfinden kann.

nach allerhand kreativen alternativideen hat meine mutter entschieden, dass es kein begräbnisähnliches event geben wird, da ihr mann zeitlebens begräbnisse gehasst habe. statt dessen laden wir zu einem kaffeeplausch im angedenken ein. da der vater wegen seiner humorvollen herzlichkeit sehr beliebt war, wird es wohl ein schöner nachmittag mit familie, freunden, bekannten und nachbarn werden. dabei werden wir noch viele weitere berührende geschichten hören über diesen lieben mann. es wird ihm bestimmt gefallen - falls er doch von irgendwoher zusieht, woran er nicht glaubte zu lebzeiten.

die anteilnahme rundum ist überwältigend. das bild auf der parte stammt von seinem 80er, den wir vor gut drei jahren am selben ort gefeiert haben, wo wir ihn jetzt verabschieden, einem traditionsreichen ausflugsgasthaus hier nebenan. es gibt niemand, dem nicht tränen in die augen schießen beim anblick dieses bildes, das ihn so typisch in seiner innigen kommunikationsfähigkeit mit dem blick aus seinen blauen augen zeigt, wo man sich erkannt fühlt in allen tiefen des herzens. neben ihm steht eine rose, seine lieblingsblume.

Freitag, 11. Februar 2011

befreiungskampf

"als ich gehört habe, dass jetzt auch meine 75-jährige tante losgezogen ist, habe ich gewußt, das ist das ende von mubarak." das sagte soeben der korrespondent des orf in kairo in der zib 2.

und ich finde auch, dass die alten frauen nicht unterschätzt werden sollten.

Donnerstag, 10. Februar 2011

schubladen

getragen vom fräuleinmodus, aber schon ausreichend grau um (groß)mutterprojektionen zu wecken, bin ich nun gegenstand der hilfsbereitschaft junger männer: sie springen für mich in offene straßenbahntüren, damit ich heranschleichend den wagen noch erreiche, reissen mir die schweren flügeltüren akademischer würdehallen auf mit verbeugung, tragen mir die einkaufstasche... ich bin fassungslos vor vergnügen. alles heute geschehn - kann gern so bleiben.

die schublade hat was für sich. ich fühle auch ein heraufdräuen einer weiteren typisierung, die mich mal seitens eines fastengurus traf: sein urahn hätte mich homöopathisch als konstitutionstyp "pulsatilla" (die gewöhnliche küchen- oder auch kuhschelle) eingestuft, welche er (der urahn) als "hysterische blondinen mit einem hang zu medialen anfällen" charakterisierte. kommt vor, muss ich zugeben.

vatertocher und puella haben wir schon abgehandelt. eine weitere nette schubladisierungsmethode bietet dieser typentest. hier gelte ich als idealistin. das stimmt gewiss.

Mittwoch, 9. Februar 2011

fräulein

der spitalsaufenthalt meines vaters hat mir ein "fräulein" eingetragen. er wird heute - nach schrecklichen aber ergebnislosen durchsuchungen seines magen-darmtrakts und allerhand blutkonservenverabreichung - mit der diagnose "alt" entlassen. ich hingegen wurde gestern - an seinem bett sitzend - von einer alten dame, einer besucherin des alten herrn im nebenbett, als "fräulein" tituliert.

mein vater stellte sehr vergnügt fest, dass ich darob errötet bin. und tatsächlich: ich habs als kompliment empfunden und mich sehr gefreut. ich sagte: das hat schon lang niemand mehr zu mir gesagt. es stimmt noch dazu! später wollte die alte dame, die auch errötet war, sich entschuldigen, und hat mich beiseite genommen und gesagt: ja, wissen sie, wie sie da so gesessen sind bei ihrem vater, haben sie so jung ausgesehen.

mein ehemaliger analytiker, den ich passender weise morgen zum lunch treffen werde (die analyse ist seit jahren abgeschlossen, wir sind jetzt kooperationspartner), wird sich freuen, die geschichte zu hören. er hatte mir seinerzeit natürlich die vatertochter und den archetyp des ewigen mädchens - puella aeterna - nach c.g. jung attestiert. und ich selber fühle mich bekanntlich seit meiner übersiedlung überwiegend so wie in den jungbrunnen gefallen. noch dazu, wo nun nach jahrzehnten meine haare plötzlich wieder wunderbar lang wachsen ohne die geringsten probleme. so eine mähne hatte ich zuletzt ende dreißig, damals goldblond, jetzt silberblond (vulgo grau).

so endet hoffentlich meine emotionale hochschaubahnfahrt der sorge um den vater damit, dass ich mich als "fräulein" fühle. wenns nicht von einer wirklich schönen alten dame gekommen wäre, hätt ich mich wohl nicht so sehr drüber gefreut.

Sonntag, 6. Februar 2011

weiteratmen

das leben ist stärker als alle unsere entscheidungen, einzugreifen. ich bin gestern, statt nach linz zu fahren, selber wieder mit fieber, husten, schnupfen im bett geblieben, nachdem diese woche jeden tag mindestens eine akut erkältete person, die eigentlich im bett hätte sein sollen, in der praxis gesessen ist und mich angehustet hat. ich verstehe das ja nicht, weshalb kranke leute es heroisch finden, andre anzustecken, statt im bett zu bleiben.

ich hab also in einer durchhusteten nacht gleich sämtliche kügelchen eingeworfen und gestern den ganzen tag ruh gegeben und fühl mich heute schon wieder ganz gut.

die eltern fanden es unabängig voneinander sowieso übertrieben, dass ich kommen wollte. und vermutlich haben sie recht. meine interventionen sind wohl angenehmer für mich als für sie. trotzdem bin ich froh, dass ich die nächste zeit - bis auf mittwoch und donnerstag kommender woche - jederzeit weg kann.

Freitag, 4. Februar 2011

luftanhalten

doch nicht so einfach. die blutwerte sind wieder so schlecht, wie zu beginn, und der papa muss im spital bleiben. also dann: auf in den zug nach linz. weiterzaubern für sanfte übergänge.

aufatmen

der herr papa darf heute aus dem spital nach hause. seine symptome sind praktisch weg. sie waren wohl durch unverträglichkeiten und wechselwirkungen der zahlreichen medikationen verursacht. uff, große erleichterung.

zum glück ist ja heutzutage eine der ersten interventionen, gleich mal die medikamentenliste anzusehen, alles wegzulassen bis auf das allernotwendigste, das dann in anderer form und anderem präparat gegeben wird. alle untersuchungen auf potentielle tumorerkrankungen waren glücklicherweise ohne befund. und der vater ist hochvergnügt, denn er hat ja immer behauptet, er hätte nichts und es seien die pulver...

er hatte recht. ich wünsche mir für ihn natürlich, er möge einfach irgendwann an alterschwäche in seinem geliebten bettchen einschlafen.

ich selber merke bei diesen spektakulären krisen der eltern, wie ich mich jedesmal schneller fasse, nachdem ich zunächst in eiskalte angst und kindlichen schrecken falle. das hat man davon, wenn man sich von seinen eltern nicht so ablöst, wie freud et.al. das vorschreiben, sondern einfach glücklich und zufrieden ihr kind bleibt... meine schwester und ich haben natürlich auch jeden erdenklichen zauber gewirkt.

Mittwoch, 2. Februar 2011

lichtmess

heute ist also lichtmess, und sieh da: die sonne lacht vom blauen himmel. nach vielen tagen gräue. schön.

weniger schön: mein vater liegt zum durchchecken im spital, da er einen so katastrophalen blutbefund hatte gestern, dass man ihn nicht mehr wegließ. zum glück war meine schwester in linz, sodass meine mutter unterstützung hatte in der abwicklung der angelegenheiten - z.b. der heimholung des autos aus der halteverbotszone vor dem spital. er wollte ja nur einen sprung rein...

das timing ist jedenfalls gut. auch ich habe die nächsten zwei wochen nur an einem tag termine, die mich in wien halten. falls er also länger im spital bleibt, fahre ich auch nach linz. aber ich habe angst um ihn. wir spüren schon einige monate, dass er sich verändert, zurückzieht, emotional nicht mehr so verlässlich erreichbar ist, wie wir es von ihm immer gewohnt waren.