Mittwoch, 27. Oktober 2010

abschiedsstunden

noch sitze ich im alten zimmer. die letzten tage immer schon glückliche stunden in der neuen wohnung. in den nordhimmel geschaut und das herz aufgehen gefühlt.

heute aber wirds ernst und mir ist ganz schlecht vor abschied. wieder ein jahrzehnt meines lebens mit einer adresse zu überschreiben: kohlmarkt. anfangs ein verzauberter ort mit vöglein auf dem dache und die stadt zu füßen. ruhe vor der tür. heute kein vogel mehr, klimaanlagen, die stadt hinter grässlichen dachaufbauten verschwunden, die wg in auflösung - damen weggetreten wegen liebe. unten der unablässige strom von touristen aller art, gspritzten und aufschneidern. dazu minderbegabte straßenmusikanten und leider stark gewählte politiker (jeder vierte wähler fand ihn bei der jüngsten gemeinderatswahl toll), beide zu laut.

wenn ich das so schreibe, wird mir gleich die sonnenseite dieses abschieds wieder bewusst. der siebte wiener gemeindebezirk ist ja eine vermutlich einzigartige hochburg der grünen, die dort 44 prozent gemacht haben. seit gestern ist auch sonne und kalt. das mag ich sehr.

jetzt bring ich noch den durchgebrochen sessel zu den blinden, die ihm wieder eine schöne sitzfläche flechten werden. und dann mit dem lieben alten wg-auto, das auch bald verkauft wird (toyota picnic - das tollste gefährt, das mir je untergekommen ist für alle, buchstäblich alle lebenslagen), die spärlichen reste, die noch hier sind, in die neue wohnung.

dann noch das auto zurückbringen, schlüssel in die von mir verlassene wohnung. nur noch tonnen von schwarzen säcken mit alten kleidern (schrankzimmer sollte man verbieten, was da alles drin verschwindet...), viele kisten mit den alten büchern, für die sich keiner interessiert. alte laptops, handys, geräte, die keiner mehr deuten kann. für den sperrmüll kommt die müllabfuhr, für die brauchbaren reste diese segensreiche einrichtung.

diese übergänge sind wie eine hochschaubahn. jetzt bin ich traurig, mein herz ist schwer - und kaum bin ich unterwegs zur neuen wohnung, hüpft mir das herz im leibe vor freude. gepriesen sei das limbische system - ein wesentlich besseres navi, als die elektronischen je sein können.

Montag, 18. Oktober 2010

schnütchensprache

in den letzten jahren hat sich die von mir so genannte "schnütchensprache" aus dem off in deutschsprachigen tv-dokumentationen nun schon fast durchgängig eingeschlichen. namentlich in den dokus, wo über menschen oder tiere berichtet wird.

unter "schnütchensprache" verstehe ich eine artikulation, die tatsächlich nur mit schnütchen herzustellen ist. die off-sprecherInnen lesen einen text, den sie durch diese artikulation immer knapp am rande des sich lustig machens über die leute, über die berichtet wird, dahinschrammen lassen. jedenfalls ist es eine ambivalenz zwischen die zuschauer für idioten halten und deshalb so sprechen und die dargestellten für idioten halten und deshalb so sprechen.

ich muss sagen, mir geht das auf die nerven. vielleicht liegt es nur an meinen österreichischen ohren. ich merke es aber auch schon hierzulande bei den off-sprecherInnen. ist es ein zeitgeist der distanzierung und sicherheitshalber entsolidarisierung? ist es ein "lustige" mode, die wieder vergehen wird?

weiß jemand, wovon ich rede? ich schreibe das, wärhrend in 3sat eine doku über den "neuen mann" läuft und der off-sprecher spricht ich schnütchensprache. es klingt auch immer so, als würden die sprecherInnen sich eigentlich fremdschämen über die dargestellten. vielleicht ist es ja das? es nervt mich jedenfalls, egal aus welchen gründen es passiert.

Sonntag, 17. Oktober 2010

bücherpacken

soeben hat mir der FAZ-Analysator attestiert, ich schriebe wie georg trakl, daniel kehlmann und gestern das posting käme nach melinda nadj abonji. na, vielleicht sollte ich mich auch noch in die buchproduktion werfen. nach hörensagen ist das aber heutzutage ein teurer spaß, sofern man keinen bestseller landet.

wie immer. ich habe derzeit doch andere sorgen: nämlich zum ersten mal das gefühl, ich sollte mich von meinen büchern trennen. also natürlich nicht von allen, aber doch von recht vielen. irgendwie sehe ich in der neuen wohnung keine riesenbücherwände. und ich hab auch keine lust, wieder 1000 löcher in die altbauwände zu bohren, nicht mal bohren zu lassen. was tun?

zunächst großzügig aussortieren. dann den rest mitnehmen. und dann in kleinen dosen hier ablegen. um die ecke von der neuen wohnung. das ist ein zeichen. und das erscheint mir eine gebührende form, sich von jahrzehntealten identitätsmerkmalen würdig zu verabschieden.

soeben noch aus den tiefen des kellers aufgetaucht: die geschichte der arbeiterbewegung und des massenwohnbaus. zeugen meiner dissertation in einer riesen bücherkiste. mal sehen, was mit denen sein wird.

Samstag, 16. Oktober 2010

umzugschaos

das umzugschaos beginnt sich aufzubauen... ich genieße es, obwohl ich zusätzlich im oktober viel arbeit habe. ist ungefähr die stärkste zeit in der branche, der herbst. naja, kennen wir ja, es kommt immer alles auf einmal. ich hoffe, ich halte durch. ich merke jedenfalls, dass meine physische belastbarkeit seit dem letzten umzug gesunken ist. dafür bin ich mental besser (noch, jedenfalls).

heute hab ich schon mit netten männern aus den branchen schlosser und umzugsservice zu tun.

dazwischen einen miniworkshop mit 80 deutschlehrerInnen für nichtdeutschsprachige, die an der uni studieren wollen und dazu diese kurse absolvieren müssen. thema: wie können die lehrenden den emotionalen druck aushalten, wenn die studierenden von ihnen erfahren, dass sie durchgefallen sind. viele teilnehmerInnen versuchen dann, dieses ergebnis mit allen mitteln aus allen kulturen der welt abzuwenden... ziemlich heftiger job für die überbringerInnen der schlechten nachricht. nicht ganz so arg wie fremdenpolizei, aber auch nicht so weit weg davon, denn für viele studierende hängt eben der verbleib von diesem ergebnis ab. die anfängliche gruppendynamik in der lehrergruppe war ganz schön anstrengend.

jetzt mit dem schlosser die schlösser tauschen. nebenan geht die tür auf. ein junger mann aus texas fragt formvollendet, ob er sich vorstellen darf. sie seien eine 3er-studenten-wg, er und zwei kollegen aus deutschland. sehr gut. lasst junge männer um mich sein. nie wieder glühbirnen auf schwankender leiter selber tauschen. heute abend wirds ein einweihungsfest geben, meint der texaner mit den nach neuer art rasierten schwarzen brauen und bart. ob ich eh noch nicht hier wohne. nein.

übrigens, liebe mitleserinnen, bin ich mir bewusst, dass mein gestern gepostetes himmelsfoto meines lieblingsblicks keinen anlass zu begeisterungsstürmen bietet. es ist gar finster und der ausschnitt irreführend - mit der kamera im netbook aufgenommen. in wirklichkeit ist alles viel schöner.

Freitag, 15. Oktober 2010

aussicht

ich stehe an meinem neuen küchenfenster und blicke in meine liebste himmelsrichtung - norden. auf die dächer. und - zwischen zwei schornsteinen auf ein stück kahlenberg in der ferne. mein zukünftiger frühstücks- und vielleicht lieblingsschreibpatz.

neben mir taut das eisfach des kühlschranks ab, tropf, tropf. es scheint mir das einzige eckchen der wohnung zu sein, das dem putzkommando, das die wohnung nach der renovierung blitzblank gemacht hat, entgangen ist.

das netbook steht auf dem heizkörper. ideale höhe, wenn eine im stehen schreiben muss. es gibt noch keine sitzgelegenheiten hier.

soeben hab ich bodentücher (wg. abtauen), küchenrollen und klopapier aus dem drogeriemarkt um die ecke (was für ein luxus) geholt .

als erste einrichtungsgegenstände hab ich ein paar tassen, den wasserkocher, löskaffee und teebeutel mitgebracht - und das netbook, das gleich hier wohnen bleiben darf.

mein herz hüpft vor freude beim blick über die dächer. und auf der straße, wenn ich leute sehe, die ich praktisch seit ich in wien bin - immerhin dreißig jahre - vom sehen kenne, packt mich eine wilde freude. heimkehr.


Dienstag, 12. Oktober 2010

it-archäologie

mein blick fällt gerade auf eine schachtel cd-roms in hübschen bunten hüllen. sie warten darauf, als speichermedium eingesetzt zu werden. vielleicht erleiden sie dasselbe schicksal, wie die kleinen bunten floppies aus den 90ern, die auch noch unbeschrieben in der schuhschachtel mit der aufschrift "alte disketten" neben den beschriebenen ruhen, die ich nie mehr ansehen werde.

beim sortieren bin ich wieder auf allerhand computer-urzeitmaterial aus den 80er und 90er-jahren gestoßen. z.b. eben meine disketten vom allerersten apple-kastl. das war vielleicht ein netter computer. darauf hab ich endlich meine dissertation geschrieben. die alten apple-disketten mit der dissertation drauf hab ich seinerzeit mit dem ganzen übrigen material dem linzer stadtarchiv anvertraut.

überhaupt schreibe ich erst wirklich viel und gern, seit es computer gibt. schreibmaschine mit schnippseln und kleben oder überlackieren, igitt. hat mich zwar gelehrt, im notfall aufs erste druckfertig zu formulieren, aber ich genieß viel mehr die wunderbaren möglichkeiten, die die textverarbeitung über uns gebracht hat.

in den 90ern bin ich dann apple untreu geworden, privat, und hab meinen ersten laptop von ibm gekauft. den superkleinen mit der butterfly-tastatur. den hab ich noch und er läuft auch noch. ich bin auf pc umgestiegen, weil es mein abgedrehtes astroprogamm nur für pc gab. und genau dieses handgestrickte programm läuft auch noch da drauf. das ist so handgestrickt, dass das datenfenster für jahreszahlen mit der 2 statt der 1 an der tausenderstelle zu kurz ist.

seit diesem kleinen schwarzen ultracoolen ibm-schmuckstück bin ich den laptops treu geblieben - nie wieder ein standgerät.

Montag, 11. Oktober 2010

aussortieren

derzeit bin ich im askesemodus - d.h. ohne schokolade und alkohol. dafür jede menge köstlichkeiten, die der erntedank so auf den tisch bringt: kürbis, ringlotten, trauben, zwetschken, frische datteln und feigen, walnüsse. göttlich. in solchen phasen frag ich mich immer, weshalb ich je anders genieße. naja, ich bin schon zu oft hinübergerutscht aus diesem glück der "natürlichen" ernährung in den luxus der prozessierten genüsse, als dass ich mir noch einbilde, das wird jetzt so bleiben. dabei fühl ich mich so wohl mit dieser vorwiegend vegetarischen, herrlich fruchtsüßen kost. ich koche und esse dann auch viel mehr (daher übrigens auch der blog-titel), als in den zeiten wo champagner, kekse und schokoladen die überhand gewinnen.

jedenfalls trifft nun die gewichtsabnahme, die ja sofort einsetzt, wenn alkohol, zucker und fleisch wegbleiben, zusammen mit dem entlastenden effekt des aussortierens vor dem umzug. ich glaube, das ist einer der gründe, warum ich mein leben lang gern umgezogen bin: ich entledige mich dann vor dem auszug aller dinge, von denen ich mich leicht trennen kann (und die dennoch nie den weg in den müll oder in die weitergabe fanden). beim einzug fliegt der rest der überlebten dinge raus, die ich nicht mehr neu einordnen will. das ist alles sehr entlastend. ich schrumpfe in jeder hinsicht auf meine wahre größe.

Donnerstag, 7. Oktober 2010

wohnung

ich hab sie! die wohnung mit himmelsblicken aus allen fenstern. und das noch dazu im all time lieblingsbezirk, dem 7., am diamantengrund, wies früher hieß. ich kann mein glück noch gar nicht fassen. so schnell kanns gehen. ende des monats übersiedle ich.

jetzt möge nur noch kompetente packhilfe daherkommen, und mein glück ist perfekt.

nicht mehr über kücheneinrichtung nachdenken müssen - küche ist komplett drin. keine schwebeküche natürlich. das war ohnehin die trostfantasie im alten wohnprojekt, das ich abgeblasen habe.

jetzt also wieder bewährter altbau mit vollholzparkett überall außer in den gefliesten nassräumen, dazu hohe decken und vernünftige raumgrößen. die wohnung ist um ein drittel kleiner von den quadratmetern her und wirkt dennoch dreimal so groß wie das neubauprojekt. dazu noch das urbane ambiente im 7. bezirk, das meine wiener heimat ist von anbeginn, 1980. immer habe ich dort gewohnt oder gearbeitet oder beides. bis auf die letzten fünf jahre.

die ersten jahre hier in der innenstadt, als alles noch idylle war auf dem dach allein, habe ich noch im 7. bezirk gearbeitet. die letzten fünf jahre hab ich gelebt und gearbeitet hier im ersten. ich bin jetzt glücklich wie ein kind, das von einer kinderjause, die sich enttäuschend entwickelt hat, endlich wieder heim darf.

Sonntag, 3. Oktober 2010

gutenachtgeschichte


ich gehöre ja nicht zu den pferdefrauen. ein bisschen pferdefrau gibt es nicht, soviel ich weiß. entweder eine strebt - zumindestens in der vorstellung - spätestens ab dem backfischalter auf den rücken der pferde, oder sie weicht ihnen lebenslang großräumig aus.

mein nächtlicher heimweg erlaubt mir allerdings oft genug, einen kleinen gutenachtblick aus sicherer entfernung mit dem einen oder anderen lipizzaner in der stallburg zu wechseln, so wie hier, als ich beschwingt heimschritt von einem schönen fest zum zehnjahresjubiläum der galerie meiner freundin. da ging ich zwar auch früh, aber nicht zu früh.

Freitag, 1. Oktober 2010

wohnungssuche

mein eindruck, dass die unsägliche neue dachlandschaft hier an der gasse oligarchen und anderes merkwürdiges klientel anzieht, verstärkt sich zusehends. ich muss weg.

wer in wien eine wohnung mit himmelsblick weiß, bitte mir mailen. himmelsblick heißt nur, dass aus mindestens einem raum ohne verrenkung himmel sichtbar ist. muss kein grün sein und keine atemberaubung. nur ein blick.

größe ca 50 - 80 m2, mietwohnung mit gutem anschluss an die öffis. nicht im 10. oder 11., 21. u 22.  bezirk. marktübliche miete, unmöbliert. keine dachschrägen.

sieh da, schön langsam kann ich sogar ziemlich genau sagen was ich will...